teleschau - der mediendienst | Anton Corbijn

Starfotograf Corbijn im Interview

David Bowie, Mick Jagger, U2, Depeche Mode - Anton Corbijn hatte sie alle vor der Kamera. Der Durchbruch als Fotograf gelang dem niederländischen Pastorensohn 1987 mit der Gestaltung des "Joshua Tree"-Albums von U2. Mit dem Film "Control" über die britische Band Joy Division erntete er 2008 auch Lorbeeren als Regisseur. Für die "Global Spirit Tour" von Depeche Mode gestaltete der 63-Jährige jüngst das Bühnen-Design. Im Bucerius Kunst Forum in Hamburg kann man bis Januar eine große Ausstellung mit einem Querschnitt seines fotografischen Schaffens besuchen; begleitend dazu erschien kürzlich außerdem der Ausstellungskatalog "The Living And The Dead" (Schirmer/Mosel Verlag). Im Interview erzählt Corbijn gelassen und recht unprätentiös von seiner Arbeit mit dem Who is Who der Musikgeschichte.

teleschau: Herr Corbijn, können Sie mit dem Begriff Rockfotograf etwas anfangen?

Anton Corbijn: In Bezug auf meine Person? Nein. Ich mag den Begriff nicht.

teleschau: Was gefällt Ihnen daran nicht?

Corbijn: Bei Rockfotografie geht es darum, wer auf dem Bild ist und nicht, was du mit dem Foto machst. Jedes Bild von Bon Jovi oder wem auch immer ist Rockfotografie. Ich habe stets versucht, Fotos zu machen, die du aus ihrer Welt herausnehmen, woanders hinpacken und dann immer noch lieben kannst. Sie sind nicht abhängig von der Musikwelt. Es ist Porträtfotografie. Die Fotos sollen zu Menschen sprechen, selbst wenn sie die Person auf dem Foto nicht kennen. Das ist der Unterschied zu anderen, die Fotos von Musikern machen.

teleschau: Sie wurden berühmt für Ihre körnigen Schwarz-Weiß-Fotografien. Welches Konzept steckt dahinter?

Corbijn: Ein Teil der Ästhetik ist der Tatsache geschuldet, dass ich Anfang der 70-er kein Geld hatte. Ich konnte mir nur Schwarz-Weiß-Filme leisten. Es geschah also aus der Not heraus. Außerdem waren die Künstler, die ich anfangs fotografierte, nicht so bekannt und wurden nur in Schwarz-Weiß-Magazinen gedruckt. Als ich es mir schließlich leisten konnte, so zu fotografieren wie ich wollte, kam ich zu der Ansicht, dass Schwarz-Weiß kein Handikap ist, sondern die bessere Wahl. Aber ich habe es nicht gewählt, um ästhetisch anders zu sein.

teleschau: Anfangs hat die Ästhetik auch nicht jedem gefallen ...

Corbijn: Richtig. Ich habe damals Bands für die Plattenfirma Ariola fotografiert. Sie schrieben mir irgendwann einen Brief, dass meine Bilder zu dunkel seien und sie nicht mehr mit mir arbeiten wollten. Ich weiß gar nicht, ob ich den Brief noch habe. Das ist 40 Jahre her.

teleschau: Sie sollen auch Redakteure gerne mal vor den Kopf gestoßen haben.

Corbijn: Ich habe nicht wie üblich eine Filmrolle oder einen Kontaktbogen mit Bildern abgeliefert, sondern meist nur eine Auswahl. Ich kam dann meinetwegen mit drei Fotos vom Shooting zurück und habe gesagt, welches das Cover-Foto sein muss. Die Auswahl ist für mich Teil des kreativen Prozesses. Das kam nicht immer gut an, aber ich bin damit durchgekommen.

teleschau: Wie entsteht die Intimität Ihrer Fotos?

Corbijn: Ich habe kein Fotostudio, wo die Personen mich aufsuchen. Ich reise immer dorthin, wo die Leute sind. Wir sind also meistens in ihrem Umfeld. Ich achte darauf, dass sie sich nicht überfallen fühlen. Sehr oft mache ich die Fotos ganz alleine. Manchmal ist noch mein Assistent dabei. Es ist alles sehr "low-key". Ich manipuliere kein Licht, es fühlt sich nicht wie ein kontrolliertes Fotoshooting an. Es passiert nur zwischen mir und der Person, die ich fotografiere. Das hilft, dass sich die Musiker menschlich fühlen. Die besten Fotos zeigen meiner Meinung nach Menschlichkeit.

teleschau: Ihre Karriere nahm Fahrt auf, als Sie Ende der 70-er nach England gingen, wo auch Ihr berühmtes Foto von Joy Division entstand. Wie sehen Sie dieses Bild heute?

Corbijn: Das Bild ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Musik in einem Foto lebt. Die Band war ein Grund, warum ich nach England wollte, denn ihre Musik gefiel mir unheimlich gut. Obwohl ich damals noch total unbekannt war, konnte ich sie zu einem Shooting überreden. Ihr Album "Unknown Pleasures" war gerade erschienen, und die Aufnahme sollte die Reise in dieses unbekannte Vergnügen widerspiegeln. Ian Curtis dreht sich auf dem Bild in eine andere Richtung als seine Mitmusiker. Ein halbes Jahr später nahm er sich das Leben. Natürlich hatte ich damals keine Ahnung von seiner psychischen Verfassung. Aber die Idee, dass einer sich umsieht, während die anderen fortgehen, gab dem Bild im Nachhinein eine andere Bedeutung. Gerade deswegen wurde es ein sehr berühmtes Foto.

teleschau: Ein Glücksfall für Sie.

Corbijn: Erst wollte das Foto niemand drucken, nach seinem Tod kam es groß raus. Das wünscht sich ja niemand, dass so was geschieht. Aber der Einfluss eines Fotos liegt nicht mehr in den Händen des Fotografen, nachdem er es gemacht hat. In der Aufnahme schwingt nun etwas von seinem Untergang mit. Aber der menschliche Untergang hat mich immer schon fasziniert, obwohl ich als Sohn katholischer Eltern groß geworden bin.

teleschau: 2007 haben Sie als Regisseur dann noch den Film "Control" über Joy Division umgesetzt. Wie wichtig war dieses Projekt für Sie?

Corbijn: Ich war besessen, den Film zu machen. Er hatte einen unglaublichen Einfluss auf mein Leben und das vieler anderer Leute. Es gibt kein Interview, in dem ich nicht darauf angesprochen werde. Vor ein paar Tagen zeigte ich an der Grenzkontrolle nach England meinen Ausweis, und der Kontrolleur fragte mich: "Du bist nicht der Anton Corbijn von 'Control', oder? Mit den Bildern im 'NME'?" Und ich antwortete: "Ja, aber das ist lange her." Und er meinte nur: "Großartig! Willkommen zurück!" Es ist verrückt zu sehen, wie das, was ich gemacht habe, ein Teil der englischen Kultur wurde.

teleschau: Dazu dürfte auch Ihr Job bei der britischen Musikzeitschrift "New Musical Express" beigetragen haben. Wie konnten Sie dort Fuß fassen?

Corbijn: Mein Foto von Elvis Costello gefiel dem Chefredakteur, so dass er es abdruckte. Das hat mir die Tür geöffnet. Für den "NME" fotografierte ich zwischen 1980 und 1985 alle wichtigen Bands. Jede Woche hatte ich diverse Künstler vor der Linse. Auch meine ersten Begegnungen mit U2 und Depeche Mode kamen so zu Stande.

teleschau: Mit beiden Gruppen arbeiten Sie nun schon über Jahrzehnte zusammen. Ist es nicht schwierig, Künstler zu fotografieren, die längst Freunde sind?

Corbijn: Es ist angenehm, mit Freunden zu arbeiten, aber es gibt auch weniger zu entdecken. Es fällt manchmal schwer, objektiv zu bleiben. Vermutlich bin ich in meinen Fotos nicht so kritisch mit ihnen. Aber auf der Basis mit jemandem zu arbeiten, ist auf jeden Fall großartig. Die Künstler vertrauen dir, du kannst Fotos machen, wann du Lust hast, du kannst ungewöhnliche Dinge vorschlagen und die Personen dazu bringen, etwas weiterzugehen als üblich.

teleschau: Normalerweise sind Fotografen Beobachter von außen. Inwieweit sind Sie mittlerweile selbst Teil der Popkultur?

Corbijn: Das hat sich erst im Lauf der Zeit so entwickelt. Erst in den späten 80-ern, speziell durch das Albumcover für U2s "Joshua Tree", wurde meine Bildsprache zu dem, was die Leute mit der Musik oder den Musikern assoziierten. Das war der Wendepunkt für meine Karriere. Aber ich versuche immer noch, der Underdog zu sein. Denn das einzige, was sich wirklich verändert hat, ist die Höhe der Lohnschecks.

teleschau: Inwieweit hat digitale Fotografie bereits Einzug in Ihre Arbeit gehalten? Gehen Sie da mit der Zeit?

Corbijn: Nein, ich verstehe mich immer noch als analoger Fotograf. Ich habe mir zwar ein paar Leica-Kameras zugelegt, weil die so wunderschön sind, aber die benutze ich eher für kommerzielle Fotos. Den Rest erledige ich immer noch analog, denn ich liebe Film und einen Hauch von Abenteuer - auch wenn es sich leider immer weniger danach anfühlt. Aber die Tatsache, dass du ein Foto geschossen hast und für eine Weile nicht weißt, ob es gut geworden ist, ist eine Spannung, die mir sonst fehlen würde. Und die Unvollkommenheit, die das mit sich bringt, machen Bilder auch menschlich.

teleschau: Die gerade in Berlin zum Abschluss gekommene "Global Spirit Tour" von Depeche Mode wurde zur erfolgreichsten Tournee in der gesamten Bandgeschichte. Sie haben dafür das Bühnendesign entworfen.

Corbijn: Ja, lustigerweise ist das aber nicht mein Lieblings-Stagedesign, das ich für Depeche Mode gemacht habe. Es ist nach all den Jahren auch etwas schwierig. Die letzten Tourneen zeigten immer nur Variationen eines Themas. Die Band weiß genau, wo sie auf der Bühne stehen will - das limitiert die Möglichkeiten. Du kannst also nur wenige Dinge ändern, wie das Material, aus dem Dinge sind oder die Größe der Bildschirme. Die größte Veränderung war diesmal das Licht. Und natürlich habe ich neue Filme produziert. Depeche Mode sind aber keine Leute, die sich wahnsinnig bemühen, um erfolgreich zu sein. Umso erstaunlicher ist es zu sehen, wie erfolgreich sie tatsächlich wurden.

teleschau: Was würden Sie sagen, wenn eine Newcomer-Band Sie heute bitten würde, ob Sie sie fotografieren könnten?

Corbijn: Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass ich "ja" sage. Ich will mich selbst nicht wiederholen. Da gibt es nichts zu lernen für mich. Und wenn du ein 18-jähriger Musiker bist und einen Fotografen fragst, der über 60 ist, läuft es wohl auch falsch. Als ich selbst 18 war, war ich mit solchen Leuten befreundet, hing mit ihnen ab und machte meine Fotos. Aber heute habe ich andere Lieben. Ich verbringe meine Zeit lieber mit einem Film.

teleschau: Gibt es da momentan ein Projekt?

Corbijn: Ja, ich bereite gerade einen Film vor. Er handelt von den Rassengesetzen Mitte des letzten Jahrhunderts im Süden von Amerika und basiert auf dem fantastischen Buch "Devil In The Grove" von Gilbert King, das den Pulitzer-Preis gewann. Außerdem habe ich im letzten Jahr einen Film über U2 gedreht, der hoffentlich 2019 in die Kinos kommt. So ganz kann ich von der Musik dann doch nicht lassen.

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